

Mencía glaubte, an den Windmühlen und Weinbergen vorbeizufliegen. Für einen Moment schienen alle Lasten des Lebens von ihr abgefallen zu sein, und sie war so frei, wie sie immer hatte sein wollen. Die Umrisse der Burg ihrer Familie verschwanden am Horizont, und sie raste einer kargen Berglandschaft entgegen.
»Jetzt warte doch!«, hörte sie Luis hinter sich rufen. »Sonst brichst du dir noch den Hals!«
Der Höhenflug war ohnehin beendet, denn sie musste vor einer Mauer aus Felsen stehen bleiben. Sie sah das spärliche Gras der Wiesen um sie herum, die kahlen Steine und in der Ferne ein kleines Dorf. Ihr Schimmel schnaubte. Sie wischte sich Staub aus dem Gesicht.
»Wir sollten uns kurz ausruhen«, schlug Luis vor. Er stieg aus dem Sattel und Mencía folgte seinem Beispiel. Sie liebte diese gemeinsamen Ausflüge, denn sie konnte dadurch der Enge ihres Zuhauses für eine Weile entkommen.
Luis stieg die Felsen hoch und sie kletterte hinterher. Auf der Spitze des Hügels setzten sie sich hin, um die mitgebrachten Vorräte zu verzehren. Luis reichte ihr den Weinschlauch.
»Ich liebe meine Heimat«, flüsterte er und legte seinen Arm um Mencías Schultern. Sie nickte, obwohl sie den Sinn dieser Aussage nicht ganz verstand. Sie hatten beide ihr ganzes Leben auf den Burgen ihrer Familien verbracht. Einmal war Mencía bei einer Tante in Salamanca gewesen, doch war es so lange her, dass sie sich an die Reise kaum erinnern konnte. Die Heimat war einfach ein fester Bestandteil ihres tagtäglichen Lebens. Es gab keinen Grund, deshalb in Schwärmerei auszubrechen.
»Ich hatte niemals den Wunsch, von hier wegzugehen«, fuhr er fort.
»Warum solltest du denn?«, fragte Mencía erstaunt. Sie kannte niemanden, der größere Reisen unternahm. Das schien ein Privileg von Herrschern und sehr reichen Kaufleuten.
»Es kann Notwendigkeiten geben, die einem nicht gefallen«, murmelte Luis, der an einem Stück Schinken nagte. Mencía musterte ihn verwirrt, dann fuhr er plötzlich auf.
»Hast du das auch gehört?«
Mencía wusste nicht, wovon er redete, aber als er aufsprang, folgte sie ihm. Es ging ein Stück den Berg hinab, wo Luis ein Lämmchen entdeckte, das in eine Felsspalte gefallen war. Es musste schon seit längerer Zeit feststecken, da es nur noch erschöpft blökte. Luis packte es an den Hinterbeinen und hievte es mit Mencías Hilfe ins Freie.
»Das stammt sicher aus der Herde von Martín. Er trinkt zu viel und merkt es gar nicht, wenn Tiere fehlen.«
Das Lämmchen sprang indessen etwas munterer den Pfad hinab bis zu der Wiese, wo seine Artgenossen grasten.
»Es ist ja nichts Schlimmes geschehen«, murmelte Mencía und lächelte Luis an. Es sah ihm so ähnlich, sich wegen eines einzigen Tieres den Kopf zu zerbrechen! Eben deshalb hatte sie ihn von Kindheit an gemocht. Anders als ihre Brüder zeigte er keine Begeisterung für Prügeleien, wollte niemals Schwächere einschüchtern oder auch nur irgendjemanden belehren.
»Na gut, gehen wir zurück«, stimmte er nun zu. »Ich muss mit dir reden.«
Etwas an dem Ton seiner Stimme verunsicherte sie wie das Grollen eines aufziehenden Gewitters.
Luis reichte ihr nochmals den Wein, außerdem etwas Käse und Feigen.
»Ich habe über unsere Zukunft nachgedacht«, begann er dann. Mencía nickte. Sie selbst hielt ihre gemeinsame Zukunft für allzu selbstverständlich, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Aber Luis war nun einmal ein Grübler.
»Ich möchte mein eigenes Land haben«, begann er. »Weinberge vielleicht. Oder Schafherden, um die ich mich gewissenhaft kümmern würde. Ich bräuchte nicht einmal Bauern, die für mich arbeiten. Ich mache mich gern selbst nützlich.«
»Du bist der Sohn eines Hidalgos«, wandte Mencía ein. Zwar mochte sie Luis auch wegen seiner Bescheidenheit und Bodenständigkeit, doch manchmal verlor er den Blick für unabänderliche Tatsachen.
»Der Zweitgeborene«, wandte er nun bitter ein. »Die wenigen Ländereien meines Vaters werden an Alfonso gehen.«
»Vielleicht überlässt dein Bruder dir ja ein paar Felder und eine Schafherde, wenn du ihn darum bittest«, schlug Mencía vor. Völlig abwegig war die Vorstellung nicht, denn auch ihr Vater hatte seinen jüngeren Brüdern Aufgaben auf den Ländereien zugewiesen, damit sie beschäftigt waren.
Luis versetzte einem herumliegenden Ast einen wütenden Tritt.
»Alfonso wird mir nichts geben. Das weiß ich. Er hält es für Gottes Willen, dass der ganze Besitz an ihn geht, und ich zusehen muss, wo ich bleibe.«
Mencía strich beruhigend über seinen Arm. Auch sie mochte Alfonso nicht besonders.
»Mein jüngerer Bruder Santiago ist in den Dienst eines Kardinals in Toledo getreten. Als Leibwächter. Ich bin mir sicher, dass so ein kluger, tüchtiger junger Mann wie du …«
»Und hat Santiago sich schon vermählt?«, unterbrach Luis sie mit ungewohnter Schärfe. »Nein? Ich sage dir, warum. Sein Sold reicht gerade einmal, damit er selbst nicht auf der Straße betteln muss. Aber ich will eine Familie haben und mein eigenes Zuhause. Dafür brauche ich Land, das mir kein Kardinal geben wird.«
Seufzend senkte Mencía den Blick. Er hatte recht, ihrer beider Zukunft sah nicht rosig aus.
»Ich stelle keine großen Ansprüche«, wandte sie ein. »Wenn du uns ein Zimmer bezahlen kannst, reicht es erst einmal. Auch für ein oder zwei Kinder.«
Die meisten Menschen lebten nicht besser, aber Luis hatte stets seine Träume gehabt. Nun ergriff er ihre Hand und zog sie an sich.
»Ich habe eine Entscheidung getroffen«, sagte er mit mehr Ernst, als selbst für ihn üblich war. »Mein Onkel, der in Salamanca lebt, erzählte mir, dass die Krone immer wieder tüchtige Männer für die Neue Welt sucht.«
Bevor Mencía etwas einwenden konnte, richtete Luis sich vor ihr auf.
»Es gibt dort Land, Mencía. Unmengen davon. Und Reichtümer, die ein fähiger Mann gewinnen kann. Ich könnte uns hier eine eigene Burg errichten, wenn ich zurückkomme.«
Sie konnte nur fassungslos starren. Ihre ganze Welt wurde gerade durcheinandergewirbelt.
> Entstehungsgeschichte
> Recherchereise
> Handlung
> Überblick / Weitere Romane