

Südböhmen, 1623
Die beiden Frauen gingen langsam, aber beharrlich den Pfad entlang. Er führte sie einen steilen Hügel hoch, dann in das Dickicht des Waldes.
»Es ist nicht mehr weit«, sagte die Jüngere und sah sich nach ihrer Mutter um, die ins Schnaufen gekommen war.
»Bist du dir denn sicher, dass wir dort Aufnahme finden?«, fragte die ältere Frau, um deren schlohweißes Haar ein Schal gewickelt war.
»Nein, aber wir müssen es versuchen«, erwiderte die Tochter. »Es wird nachts langsam zu kalt, um im Freien zu schlafen.«
Das schien die Mutter einzusehen, denn sie murrte nicht. »Wie bist du darauf gekommen, ausgerechnet in diese Gegend zu gehen?«, wollte sie nur wissen.
Ihre Tochter lachte auf. »Es war der Sohn des Herbergswirts im vorigen Ort, dem ich einen Gefallen getan habe, damit wir im Stall schlafen durften. Er sagte, dass bei diesem Dorf, das Trebin heißt, also da ist eine Burg …«
»Es gibt überall Burgen«, knurrte die alte Frau nun missmutig. »Warum müssen wir ausgerechnet zu dieser? Ist sie unbewohnt, damit wir dort einfach einziehen können?«
»Sie war lange unbewohnt«, erzählte die Tochter weiter. »Aber vor ein paar Jahren kehrte der Besitzer zurück. Er hatte Pech, weil er in einem Krieg auf der falschen Seite kämpfte, und deshalb wurde er aus seiner neuen Behausung gejagt. Jetzt hockt er in der Burg, gemeinsam mit seiner Tochter.«
Die alte Frau stützte sich kurz an einem Baum ab und runzelte die Stirn. »Und warum sollten die beiden ausgerechnet auf uns warten? Ich verstehe es immer noch nicht.«
»Sie warten natürlich nicht, aber ich hoffe, sie nehmen uns auf.« Die Tochter schmunzelte. »Der Junge aus der Herberge hat ein Mädchen in diesem Trebin, das er manchmal besucht. Von seiner Liebsten weiß er, dass die junge Burgherrin sehr fromm ist und sich ständig um irgendwelche Armen kümmert, weil der Herrgott es so befiehlt und sie ins Himmelreich will. Und dass ihr Vater zu viel schwarze Galle hat, also zur Schwermut neigt. Das könnte aber auch die Folge der Misere sein, in die er geraten ist.«
Die Mutter stemmte ihre Hände in die Hüften. »Das alles klingt nach einem großartigen Vorhaben! Sollen wir der Burgherrin unsere Lumpen vorführen, damit sie ein paar Gebete für uns spricht?«
»Du kannst jederzeit einen besseren Vorschlag machen, wo wir hinsollen«, erwiderte die Tochter schnippisch. Dann ergriff sie den Arm der älteren Frau, um sie weiterzuziehen. »Ich finde schon einen Weg, wie wir uns dort einnisten. Zur Not muss ich den Burgherrn von seinem Trübsal ablenken.«
Ihre Mutter war störrisch stehen geblieben. »Du glaubst immer, dass kein Kerl dir widerstehen kann!«, schnaubte sie.
»Bisher ist es so gewesen«, sagte die junge Frau ohne jeden Hochmut. »Außer bei dem Sohn des Schmieds aus unserem Heimatort. Aber der mochte lieber Männer auf seinem Lager.« Sie lachte kurz auf und lief ein paar Schritte vorwärts. »Jetzt komm endlich. Oder sollen wir uns hier im Wald einen Unterschlupf bauen und warten, bis uns jemand überfällt oder verjagt?«
Die Mutter folgte ihr mit unzufriedener Miene. »Mach dort bitte nicht wieder Ärger«, mahnte sie.
»Was Gehorsam und Demut betrifft, bist du mir in der Vergangenheit nicht gerade ein Vorbild gewesen«, entgegnete ihre Tochter. »Aber ich werde zusehen, dass ich es diesmal besser mache. Das verspreche ich, denn ich bin das ständige Herumziehen leid.«
Die alte Frau ging ein paar Schritte weiter, dann richtete sie ihren Blick auf die Baumkronen, die über ihnen fast den Himmel aussperrten. Sie lauschte den Geräuschen um sie herum, sog die Gerüche von Moos, nasser Erde und Bäumen in sich auf. Kurz schloss sie die Augen. »Dies ist ein guter Ort«, flüsterte sie. »Es gibt hier sicher auch andere Menschen unserer Art. Ich spüre ihre Nähe.«
Nun war es an der Tochter, ein skeptisches Gesicht zu ziehen, aber sie sagte nichts, ergriff nur die Hand ihrer Mutter, um den Weg fortzusetzen.
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